Flächennutzung in Nordrhein-Westfalen

von Carla Westenberger und Jana Gäng


► NRW hat einen vergleichsweise hohen Anteil an Siedlungs- und Verkehrsfläche

► Ökonomische und ökologische Probleme sind Folge der zunehmenden Bebauung

► Der landesweite Anteil der Landwirtschaftsfläche sinkt, Wasser- und Waldflächen werden größer


34.000 Quadratkilometer Fläche besitzt das Land NRW. Damit ist es flächenmäßig das viertgrößte Bundesland Deutschlands. Wie diese Fläche genau genutzt wird, steht in Katastern. Es können fünf übergeordnete Nutzungsarten unterschieden werden: Landwirtschaftsflächen, Siedlungs- und Verkehrsflächen, Waldflächen, Wasserflächen und sonstige Flächen, wie beispielsweise Moor- oder Heideflächen.

Das Tortendiagramm stellt ihren jeweiligen Anteil an der Gesamtfläche Nordrhein-Westfalens im Dezember 2014 dar. Der Vergleich mit den bundesweiten Anteilen der Nutzungsarten zeigt erste Besonderheiten des Landes Nordrhein-Westfalen.

„Der Flächenverbrauch durch zunehmende Bebauung ist ein großes Problem“ – Siedlung und Verkehr

Besonders auffällig: Der Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche an der Gesamtfläche ist in Nordrhein-Westfalen deutlich größer als in Deutschland insgesamt. Zu dieser Nutzungsart zählen Wohnbauflächen, Industrie- und Gewerbeflächen, unbebaute Betriebsflächen, Verkehrsflächen, außerdem Erholungsflächen wie Parks, Grün- oder Sportanlagen. Etwa die Hälfte dieser Flächen ist versiegelt, also mit Gebäuden oder Anlagen bebaut oder für Fahrbahnen, Parkplätze und Gehwege asphaltiert, betoniert, gepflastert oder anderweitig befestigt.

Der überdurchschnittlich hohe Anteil ist einerseits historisch durch das industriegeprägte Ruhrgebiet zu begründen. Andererseits zeigt sich deutschlandweit, dass Bundesländer mit einer hohen Bevölkerungsdichte auch einen hohen Anteil von Siedlungs- und Verkehrsflächen an der Gesamtfläche aufweisen – das gilt insbesondere für das Industrieland Nordrhein-Westfalen als das am dichtesten besiedelte Bundesland.

So ist Herne, nach München und Berlin auf Platz drei der am dichtesten besiedelten deutschen Städte, nordrhein-westfälischer Spitzenreiter bei der Größe der Siedlungs- und Verkehrsflächen in Relation zur Gesamtfläche. 2015 wurden 78 Prozent der Stadtfläche für Siedlung und Verkehr genutzt. Zum Vergleich: Der Durchschnitt lag 2014 in Deutschland bei 14 Prozent. Knapp hinter Herne kommen Oberhausen (75 Prozent), Gelsenkirchen (74 Prozent) und Bochum mit einem Anteil von 70 Prozent Siedlung- und Verkehrsfläche an der Gesamtfläche – alles Städte, die im Ruhrgebiet liegen.

Die Grafik zeigt den Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche einzelner Kreise und Städte (sortiert nach Einwohnerzahl) an deren Gesamtfläche. Indem Sie sich durch die einzelnen Jahre klicken, können Sie die Flächenentwicklung verfolgen. 

Auch die Karte zeigt das Ruhrgebiet trotz des Strukturwandels immer noch als die Region Nordrhein-Westfalens mit den verhältnismäßig größten Siedlungs- und Verkehrsflächen.


 Die Karte zeigt die Siedlungs- und Verkehrsfläche einzelner Kreise und Städte in Ar. Klicken Sie auf einen Kreis, um sich die Daten anzeigen zu lassen. 

Laut einer Prognose des Bundesamtes für Bau und Raumordnung soll die Siedlungs- und Verkehrsfläche auch weiterhin ansteigen. Und das, obwohl die Bevölkerungszahlen in Nordrhein-Westfalen rückläufig sind. Kurz: Auf immer weniger Einwohner kommen immer mehr Siedlungs- und Verkehrsflächen. Die Gründe hierfür liegen unter anderem im steigenden Anteil von Singlehaushalten, der steigenden Größe der Wohnfläche pro Person oder im wachsenden Anteil von Erholungs- und Freizeitflächen.

Die zunehmende Inanspruchnahme von Flächen für Siedlung und Verkehr zieht zahlreiche Probleme nach sich.
Der größte ökologische Nachteil ist laut Dirk Jansen vom BUND Landesverband NRW der Verlust der Biodiversität im Sinne einer rückläufigen Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten, Lebensraum- und Bodentypen.

„Vor allem aber der Flächenverbrauch durch zunehmende Bebauung ist ein Problem“, sagt Dirk Jansen. Denn werden Flächen bebaut, nimmt auch die Bodenversiegelung zu. Dadurch kann der Boden Niederschlagswasser nicht mehr aufnehmen, es fließt stattdessen oberirdisch ab. Die Folge ist laut Jansen eine verschärfte Hochwasserentwicklung. Bernd Mehlig vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW warnt aber davor, Hochwasser pauschal mit der zunehmenden Bodenversiegelung zu begründen: „Versiegelung spielt bei Hochwassern hauptsächlich in urbanen Bereichen mit einem kleinen Einzugsgebiet eine Rolle, beispielsweise wenn Wasser auf Parkplätzen oder Straßen nicht abfließen kann. Bei großen Flusseinzugsgebieten sind meist andere Ursachen ausschlaggebend.“

Zu den ökologischen kommen städtebauliche und ökonomische Probleme des Flächenverbrauchs für Siedlung und Verkehr hinzu: Dazu zählen eine übermäßige Investition in den Neubau, die Leerstand und Werteverlust bestehender Immobilien begünstigen, der Trend zu in die Landschaft hineinragenden Städten und Gemeinden oder eine gesteigerte finanzielle Belastung der Kommunen durch die abnehmende bauliche Dichte und erhöhte Infrastrukturkosten.

Um diese Problematiken zu entschärfen, hatte die Landesregierung im Koalitionsvertrag das Ziel der Reduktion des Flächenverbrauchs bis 2020 auf fünf Hektar pro Tag festgelegt. Mögliche Maßnahmen sind beispielsweise die Innenverdichtung der Ballungsräume statt ihrer baulichen Außenausdehnung oder die Nutzung leerstehender Gewerbeflächen im Industriebereich.

Laut eines Berichts des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW lag allerdings 2014 der tägliche Verbrauch für neue Siedlungs- und Verkehrsflächen in Nordrhein-Westfalen immer noch bei mehr als neun Hektar pro Tag. Außerdem wurde im vergangenen Jahr der Entwurf des Landesentwicklungsplanes durch die Regierung überarbeitet und die 5-Hektar-Begrenzung vom verbindlichen Ziel zu einem weitaus unverbindlicheren Grundsatz herabgestuft.

 

„Heute ist das knappste Gut der Landwirte in Nordrhein-Westfalen die Fläche“ – Landwirtschaft

Die Fläche in Nordrhein-Westfalen ist begrenzt. Flächenzuwachs bei einer Nutzung bedeutet daher einen Flächenverlust bei anderen Nutzungsarten. Die Zunahme an Flächen für Siedlung und Verkehr und die damit einhergehende Ausdehnung von Gemeinden gehen vor allem zu Lasten landwirtschaftlicher Flächen, da Landwirte meist an den Rändern von Kommunen und Gemeinden wirtschaften.

„Heute ist das knappste Gut der Landwirte in Nordrhein-Westfalen die Fläche. Ohne neuen Boden zu kaufen oder zu pachten, können sie sich nicht weiter ausdehnen“, kommentiert Uwe Spangenberg von der Landwirtschaftskammer NRW die Entwicklung. Denn was in der Verlaufsgrafik nach einer nur geringen Abnahme aussieht, bedeutete in den letzten Jahren für die nordrhein-westfälische Landwirtschaft einen Verlust von durchschnittlich 10 Hektar pro Tag. Das entspricht der Fläche von 14 Fußballfeldern.


Entwickeln sich gegenläufig: Während der Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche an der Gesamtfläche konstant anstieg, hat der der Landwirtschaftsfläche in den letzten 20 Jahren abgenommen.

Der Flächenverlust ist laut Spangenberg aber nicht nur auf eine zunehmende Bebauung zurückzuführen. Auch naturschutzrechtliche Auflagen über Ausgleichsflächen tragen zum Nutzungsentzug bei: „Wenn der Natur etwas an Fläche genommen wird, muss ihr auch etwas zurückgegeben werden. Das ist der Kerngedanke.“ Diese Auflagen verpflichten unter anderem Landwirte, die beispielsweise eine Stallanlage bauen, aber auch Bund und Länder als Bauherr von Straßen und Siedlungen. Um Platz für Ausgleichsmaßnahmen zu haben, kaufen letztere wiederum oft den Landwirten Fläche ab.

Dennoch: Auf eine generelle Existenzbedrohung der Landwirte möchte Uwe Spangenberg angesichts der rückläufigen Fläche und des Verlusts von Produktionsgrundlage nicht pauschal schließen. Immerhin wurde mit 48,3 Prozent auch 2015 noch knapp die Hälfte der Fläche in Nordrhein-Westfalen für Landwirtschaft genutzt. „Insbesondere aber dann, wenn hochwertiger Boden verloren geht, bedeutet dies einen Ertragsverlust für die Landwirte. Sollte die Fläche weiter so zurückgehen, könnte das für die Existenz einiger Landwirte durchaus problematisch werden“, so Spangenberg.

Ludger Dalhaus besitzt einen Hof am Rande des Ruhrgebiets. Neben eigenem Boden bewirtschaftet er auch gepachtete Fläche. Aus Sicht der Landwirte zeigt sich hier eine weitere Problematik des Flächenentzugs: „Gerade in einer so industriegeprägten Gegend wie hier ist die Fläche natürlich knapp. Da ist die Nachfrage der Landwirte größer als das Angebot – das macht die Pacht unwahrscheinlich teuer“, sagt Dalhaus.

 

„Wälder gibt es immer dort, wo der Boden nicht für die Landwirtschaft genutzt werden kann“ – Wald

Rund ein Viertel der Fläche Nordrhein-Westfalens ist bewaldet – etwas weniger als im Bundesschnitt. Ob und welcher Typ Wald wächst, hängt vor allem von vier Standortfaktoren ab: Boden, Klima, Relief und biotische Faktoren.

„Wälder gibt es immer dort, wo der Boden nicht für die Landwirtschaft genutzt werden kann, zum Beispiel weil er zu nährstoffarm ist“, sagt Gerhard Naendrun von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Auch Wassergehalt oder Bodenart werden unter dem ersten Standortfaktor zusammengefasst.
Deutschland und somit auch Nordrhein-Westfalen liegen in den feuchten Mittelbreiten. Typisch für diese Klimazone sind sommergrüne Laub- und Mischwälder.
Der Faktor Relief bezieht sich auf die Art der Oberfläche: So begrenzen beispielsweise starke Hangneigungen nicht nur, welche Baumart wachsen kann, sondern machen eine Fläche auch für die Landwirtschaft unattraktiv. Waldrodungen, um eine Fläche etwa für die Landwirtschaft nutzen zu können, und andere Maßnahmen des Menschen werden unter den biotischen Faktoren zusammengefasst. Hierzu zählen außerdem andere pflanzliche Konkurrenten, Wildtiere oder Schädlinge.

Weil diese Standortfaktoren auch innerhalb Nordrhein-Westfalens nicht einheitlich sind, unterscheiden sich die Waldanteile und –typen der einzelnen Regionen stark voneinander. Insgesamt lassen sich sieben Wuchsgebiete abgrenzen, die ganz oder zu großen Teilen in Nordrhein-Westfalen liegen und sich in ihrer Landschaftsstruktur, ihren klimatischen Eigenschaften, ihrem Gesteinsaufbau und ihrer Landschaftsgeschichte ähneln. 


 Die Karte zeigt die Waldfläche einzelner Kreise und Städte in Ar. Klicken Sie auf einen Kreis, um sich die Daten anzeigen zu lassen.

Zwei Wuchsgebiete stechen auf der Karte besonders hervor: Das Sauerland am östlichen Rand von NRW aufgrund seiner vergleichsweise großen Waldfläche und das an die Niederlande grenzende Niederrheinische Tiefland aufgrund seiner vergleichsweise kleinen Waldfläche.

Das Sauerland ist die grüne Lunge von NRW und liegt im Süden Westfalens. Die Waldfläche beträgt 296.900 Hektar. Insgesamt sind 58 Prozent des Sauerlands bewaldet. Hauptgrund für den überdurchschnittlich hohen Waldanteil ist der nährstoffarme Boden des Sauerlands, der die Region für die Landwirtschaft unbrauchbar macht. Gleichzeitig ist eine große Waldfläche typisch für siedlungsarme Mittelgebirgsregionen. Aufgrund der Höhenlage wachsen hier vor allem Fichten.

Im Niederrheinischen Tiefland sind hingegen nur 13 Prozent der Fläche mit Wald bewachsen, insgesamt entspricht das rund 50.000 Hektar Waldfläche. Der Grund für die geringe Bewaldung liegt vor allem in der frühen Besiedlung der für den Ackerbau günstigen Landschaft, in deren Zuge bestehende Wälder in andere Nutzungsformen überführt wurden. Größere Nadelholzflächen sind nur noch auf den nährstoffärmeren Böden der Hauptterrasse, der Niederrheinischen Höhen oder der Flugsande zu finden.

 

Die Grafik zeigt den Anteil der Waldfläche einzelner Kreise und Städte (sortiert nach Einwohnerzahl) an deren Gesamtfläche. Indem Sie sich durch die einzelnen Jahre klicken, können Sie die Flächenentwicklung verfolgen. 

 

Innerhalb dieser beiden Wuchsgebiete sind auch die Extreme bezüglich des Waldanteils zu finden: So sind in der Gemeinde Kirchhundem im Sauerland 75 Prozent der Fläche bewaldet, in der Gemeinde Jüchen im niederrheinischen Tiefland dagegen nur gut 1 Prozent.

 

„Statistisch haben wir das nicht nachverfolgt, eine Vermutung über die Ursache habe ich aber schon“ – Wasser

Den größten Anteil an der Wasserfläche in Nordrhein-Westfalen haben die Rurtalsperre, die Flüsse Rhein, Weser und Ems und die drei größten Seen, der Biggesee in Attendorn, der Sorpesee in Sundern und der Haltener Stausee. Insbesondere die Städte und Kreise entlang des Rheins, wie Duisburg, Köln oder Neuss stechen auf der Karte aufgrund ihrer großen Wasserfläche hervor.



 Die Karte zeigt die Wasserfläche einzelner Kreise und Städte in Ar. Klicken Sie auf einen Kreis, um sich die Daten anzeigen zu lassen.

Zur Wasserfläche zählen aber nicht nur Seen, Flüsse oder Talsperren, sondern auch Böschungen, Uferbefestigungen, sowie Wasserauffang- und Sickerbecken.
Seit 1995 hat der Anteil der Wasserfläche an der Gesamtfläche leicht zugenommen – laut den Daten der Landesdatenbank NRW ist er um 0,1 Prozentpunkte auf 1,9 Prozent gestiegen.

Die Ursache für das konstante Wachstum wurde laut Ludger Neuhann vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen nicht statistisch verfolgt. Mit Blick auf die Entwicklung in den einzelnen Kreisen lasse sich aber zumindest eine Vermutung anstellen: Denn insbesondere in den Gebieten am Niederrhein ist die Wasserfläche überdurchschnittlich stark gestiegen. Im Kreis Kleve hat ihr Anteil beispielsweise von 1995 bis 2015 um 0,8 Prozentpunkte, im Kreis Wesel um 0,9 Prozentpunkte zugenommen. In beiden Kreisen wird – wie entlang des gesamten Niederrheins – Kies abgebaut. Wenn dabei Bodendecken entfernt werden, liegen Grundwasserströme offen – es entstehen mit Wasser gefüllte Abgrabungsflächen wie Baggerseen. Davon gibt es im Kreis Wesel jede Menge: Der Auesee oder der Diersfordter Waldsee sind nur zwei Beispiele für Baggerseen, die zahlreiche Wassertouristen in den Kreis locken.

 


 

Entwicklung der Unihochburgen in NRW

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Es scheint sich um einen Trend zu handeln, der immer mehr Anhänger findet: Das Studium an einer Universität. Immer mehr junge Menschen zieht es nach ihrem Schulabschluss an diverse Hochschulen, um an ihre schulische Bildung anzuknöpfen. Dabei wird besonders deutlich, dass sich zunehmend Hotspots herausbilden – Städte, in denen die Zahl der Studenten stetig ansteigt. Wie genau dieser Wandel in Zahlen aussieht, welche Aussagen man über die Studierenden selbst treffen kann und wie die aktuelle Entwicklung aus soziologischer Perspektive gedeutet werden kann, wird anhand diverser Daten aus den Jahren 2002 bis 2014 zu Uni-Hochburgen in Nordrhein-Westfalen deutlich.

Vergleicht man die zwölf Uni-Hochburgen Nordrhein-Westfalens (Münster, Bonn, Aachen, Bochum, Köln, Bielefeld, Paderborn, Düsseldorf, Dortmund, Wuppertal, Siegen, Duisburg-Essen) in der Quote von Studenten pro Einwohner miteinander, so fallen zunächst die deutlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Hochschulorten ins Auge.

 

Während sich Münster, Aachen und Bonn kontinuierlich an der Spitze des Vergleichs halten, liegen Städte wie Siegen, Düsseldorf und Dortmund weiter hinten. Dennoch eint die Städte der Aufwärtstrend. Mit einigen Einbrüchen in der Zwischenspanne, hat sich bei ausnahmslos allen Städten der Anteil an Studierenden pro Einwohner erhöht. Der Soziologe Prof. Dr. Christoph Weischer, stellvertretender geschäftsführender Direktor des Instituts für Soziologie in Münster, bestätigt den Aufwärtstrend: „Fakt ist, dass immer mehr junge Menschen eine akademische Ausbildung anstreben.“ Er erklärt, dass zum einen die Entwicklung der Berufswelt mit den Veränderungen einhergehe, zum anderen aber auch die Verlagerung von praktischeren Ausbildungen an Universitäten zunehme. Mittlerweile sei es deutlich schwieriger ohne Studium an einen Job mit hohem Stellenwert zu kommen. Früher sei das noch anders gewesen. Hinzu käme, dass beispielsweise die Ausbildung zum Erzieher nach skandinavischem Vorbild mittlerweile zunehmend häufig auf universitärer Ebene stattfinde. Hier sieht Weischer einen entscheidenden Ursprung für den Aufwärtstrend.

Doch nicht nur die Zahl der Studenten per se befindet sich im Wandel. Auch die gesellschaftlichen Strukturen innerhalb der Studentenschaft scheint sich zu verändern. Betrachtet man die Geschlechterverteilung der ausgewählten Universitäten Nordrhein-Westfalens, kristallisiert sich das „Männer-Monopol“ der RWTH Aachen heraus. Über den Jahresvergleich hinweg liegt die technische Universität mit ihrer Männerquote weit vor den anderen Universitäten, wobei die Anzahl der Männer stetig steigt. Im Gesamteindruck der anderen Universitäten geht die Männerquote jedoch zurück.

 

Ursache dafür mag ein emanzipatorischer Effekt sein, äußert sich Soziologe Weischer. Er ergänzt, dass Männer zwar häufig berufsorientierter als Frauen studieren, das aber noch lange nicht hieße, dass es sich bei Universitäten um reine Männerdomänen handele. Die Monopolstellung hinsichtlich der Geschlechterfrage an der RWTH Aachen lässt sich für Weischer einfach klären: „An einer technischen Hochschule studieren mehr Männer als Frauen, was wohl anhand der geschlechtlichen Interessen zu begründen ist.“
Durch die in der Gesamtheit steigenden Zahl von Studenten an Universitäten, stellt sich zudem die Frage, wie viele ausländische Studenten die Universitäten besuchen und ob hier ein Wandel zu erkennen ist. Während zu Beginn des Jahrtausends noch Aachen mit gut 17% vorne liegt, hat bis 2014 die Universität Duisburg-Essen den Spitzenwert von rund 18% erreicht. Auch hier fallen insgesamt drei Städte auf, die den Vergleich anführen: Aachen, Duisburg-Essen und Düsseldorf. Städte wie Münster, Paderborn und Bielefeld verbuchen zum Teil nur die Hälfte.

 

Im gesamten Überblick hält sich die Zahl der ausländischen Studenten über die Jahre hinweg. Weischer erklärt die Spitzenposition der Universität Duisburg-Essen mit der Lage im Ruhrgebiet. Es leben viele Migrantenfamilien in dieser Region, deren Nachfahren zweiter oder dritter Generation nun in der heimischen Gegend studieren. Aber auch die Ballung der vielen Industriestädte locke zahlreiche Studenten aus dem Ausland. Dass in Städten wie beispielsweise Münster eher wenige Ausländer studieren, lässt sich laut Weischer ebenfalls begründen: „Münster weist eine andere Gesellschaft als das Ruhrgebiet auf. Hier leben zahlreiche Akademiker, deren Kinder dann meist in die Fußstapfen der Eltern treten.“

Die Zahl der Studierenden an Universitäten steigt und an diesem Trend scheint sich vorerst nichts zu ändern. Diverse Gründe tragen zu dieser Entwicklung bei. Maßgeblich sind dabei sicherlich die Veränderungen des Berufs- und Bildungssystems. Wie sich die Zahl und Demografie der Studierenden in Zukunft entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

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Zur Vereinfachung wurden als Basis für die Berechnungen die offiziell in den jeweiligen Städten als wohnhaft gemeldeten Studenten verwendet. Pendler aller Universitäten wurden somit nicht berücksichtigt.

Königssteiner-Schlüssel – ja oder nein?

Die Debatte um die Unterbringung von Flüchtlingen und eine intelligentere Steuerung bei der Verteilung der Flüchtlinge ist im vollen Gange. Welche Aspekte spielen bei der Verteilung eine Rolle? Und ist die Anwendung des Königssteiner Schlüssels bei der Verteilung angebracht?
Viele Diskussionen wurden über die Flüchtlingskrise und die Aufnahmekapazitäten Deutschlands geführt, viele Streitgespräche und Talkshows über Aufnahmegrenzen gehalten. Mittlerweile sind über eine Million Flüchtlinge ins Land gekommen und viele werden erstmal bleiben. Noch mehr als die Frage nach Obergrenzen drängen sich daher pragmatische Fragen nach den Menschen auf, die nun da sind und dauerhaft in Deutschland leben wollen. Wo bringt man all diese Menschen unter? Wer kümmert sich um sie? Und wie integriert man eine Masse?

Bei der Beantwortung dieser Fragen lohnt sich ein Blick auf den angewendeten Verteilungsmechanismus für Flüchtlinge. Hierbei kommt in Deutschland der so genannte Königssteiner Schlüssel zum Einsatz. Ursprünglich wurde das System entworfen, um die Kosten für überregionale Forschungseinrichtungen auf die einzelnen Bundesländer zu verteilen. Heute erfüllt es die verschiedensten Zwecke, ist Grundlage für die Berechnung der Höhe von Förderungen im Krankenhaussektor ebenso wie für die Lastenverteilung im Falle einer völkerrechtlichen Sanktionierung Deutschlands. Trotz all dieser Funktionen ist das Prinzip denkbar einfach: die Verteilung von Geldern ebenso wie Flüchtlingen erfolgt zu einem Drittel nach der jeweiligen Bevölkerungszahl und zu den anderen zwei Dritteln nach dem Steueraufkommen. Nordrhein-Westfalen kriegt demnach 21% der Gelder des Krankenhaus-Strukturfonds, müsste 21% der Geldstrafe bei einer völkerrechtlichen Sanktion tragen und 21% der Asylsuchenden aufnehmen.

Knapp gesagt: Flüchtlinge werden in Deutschland also ähnlich wie Bußgelder auf die Bundesländer verteilt. Neben dem Königssteiner Schlüssel werden zudem noch offene Kapazitäten in den Erstaufnahme-Einrichtungen berücksichtigt sowie ob die Außenstellen des BAMF im Bundesland, die auf bestimmte Ländergruppen spezialisiert sind, überhaupt Anträge aus dem Herkunftsland des Asylsuchenden bearbeiten. Die Art der Verteilung von Flüchtlingen hat immer wieder zu Kritik geführt. Erst im Februar diesen Jahres veröffentlichte das Institut der deutschen Wirtschaft einen Bericht, in dem es die Verteilungspraktiken aufgrund ihrer mangelnden Effizienz und Anpassung stark kritisierte. Stattdessen sollte die Verteilung anhand von Kriterien wie verfügbarem Wohnraum, Chancen auf dem Arbeitsmarkt und Plätzen in Schulen und Ausbildungsbetrieben erfolgen. Nur so könne eine Chance auf nachhaltige Integration gewährleistet werden.

Tatsächlich hat NRW im Mai 2016 56862 Asylanträge entgegengenommen und liegt damit vor allen anderen Bundesländern, obwohl es mit 3,6 % gemeinsam mit Hamburg, Berlin und Schleswig-Holstein eine der niedrigsten Leerstandsquoten in Deutschland hat. In Mecklenburg-Vorpommern, wo über 6% des Wohnraumes leer stehen, wurden im Mai hingegen nur 4822 Anträge gestellt – über 50.000 Anträge weniger also. Eine Diskrepanz, die sich auch in anderen ostdeutschen Bundesländern beobachten lässt.

Verena Schulte-Sienbeck vom Sozialamt in Münster sieht daher ebenfalls ein zentrales Defizit bei der Verteilung von Flüchtlingen: „Wir bewältigen die uns zugeteilte Anzahl so gut es geht, doch die Kapazitäten – gerade was Wohnraum angeht – sind sehr knapp.“

Durchschnittliche Anzahl der Asylanträge in den Bundesländern

Leerstandsquote in den Bundesländern

Das führt unter anderem dazu, dass viele Asylbewerber, auch Familien, monatelang in Erstunterkünften mit Schlafsälen, in denen bis zu 100 Personen schlafen, untergebracht sind. „Es fällt schwer, Fuß zu fassen, wenn man nicht einmal ein richtiges Zuhause hat“, berichtet die ehrenamtliche Helferin Sabine Ertel. Und wenn schließlich eine richtige Unterkunft gefunden wurde, liege die oft Kilometer entfernt. „Alle sozialen Kontakte, die in den ersten Monaten geknüpft wurden, reißen dann ab. Viele müssen dann nochmal neu anfangen.“

Doch nicht nur der Wohnraum ist ein Einflussfaktor, der Ankommen und Integration erleichtern kann. Ebenso geht es darum, Flüchtlingen Zukunftsperspektiven zu bieten. Auch hier zeigen sich die Schwächen des Königssteiner Schlüssels: Nordrhein-Westfalen nimmt die meisten Flüchtlinge auf, hat aber mit 8% eine Arbeitslosenquote über dem Bundesdurchschnitt und gleichzeitig im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die wenigsten Schulen deutschlandweit. In Bayern, wo ebenfalls viele Asylbewerber untergebracht sind, sieht der Arbeitsmarkt zwar besser aus, auch hier mangelt es jedoch an Schulen. Brandenburg hingegen, wo die Schul-Dichte mit Abstand am größten ist, nimmt hingegen noch nicht einmal halb so viele Flüchtlinge auf.

Arbeitslosenquoten in den Bundesländern (Jahresdurchschnitt 2015)

Anzahl der Schulen pro 1000 Unter-20-Jährigen

Ein weiterer Faktor, der bei der Verteilung außer Acht gelassen wird, ist zudem die Frage, inwieweit die einzelnen Länder finanziell überhaupt in der Lage sind, eine große Zahl von Menschen aufzunehmen und diesen die entsprechenden und notwendigen Leistungen zukommen zu lassen. Eine Blick auf den Schuldenstand der Bundesländer zeigt dabei, dass auch in dieser Hinsicht eine starke Belastung Nordrhein-Westfalens falsch ist: denn das bevölkerungsreichste Bundesland hat bundesweit auch die meisten Schulden. Aufgrund dieser Tatsache entstehen auch Zweifel, ob gerade Nordrhein-Westfalen finanziell in der Lage ist, für die große Zahl zugewiesener Flüchtlinge aufzukommen. Denn auch hier wird mit Betrachtung der Deutschlandkarte deutlich, dass im Bundesvergleich die neuen Bundesländer eher weniger Schulden besitzen – also die Bundesländer, die am wenigsten Flüchtlinge aufnehmen.

Ein nicht zu vernachlässigender Faktor ist zuletzt die medizinische Versorgung in den Bundesländern. Nach monatelanger, anstrengender Flucht sind viele Flüchtlinge am Rand ihrer Kräfte und benötigen eine entsprechende medizinische Behandlung. Gleichwohl Deutschland ein insgesamt gutes und funktionierendes Gesundheitssystem besitzt, sind auch hier leichte Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern zu beobachten. Betrachtet man die Anzahl der Krankenhausbetten je 1000 Einwohnern, hinken Bayern, Niedersachsen und Baden-Württemberg im Ländervergleich eher zurück. Obwohl also die medizinische Versorgung bzw. das Angebot an Betten in anderen Ländern größer ist, nehmen diese Länder dennoch mehr Flüchtlinge auf. Ein konkreter Vergleich in Zahlen: wogegen in Baden-Württemberg durchschnittlich nur 530 Betten je 100.000 Einwohner verfügbar sind, sind in Thüringen durchschnittlich 750 Betten verfügbar, also knapp 200 Betten mehr.

Schulden der Bundesländer (Stand: Dezember 2015)

Anzahl der Krankenhausbetten je 100.000 Einwohner

Die Flüchtlingsverteilung sei ein hochkomplexes Problem, so Schulte-Sienbeck, bei dem es viele Einflussfaktoren zu berücksichtigen gebe. „Zumindest eine intensivere Beschäftigung mit Alternativen zum Königssteiner Schlüssel wäre wünschenswert. Das könnte manche Kommunen sehr entlasten.“
Denn viele Faktoren, die eine Integration erleichtern könnten, bleiben im Königssteiner Schlüssel unberücksichtigt.

Dies beantwortet mit Sicherheit nicht einmal annähernd alle Fragen und Probleme, die sich im Zuge der Flüchtlingskrise stellen. Ob und wie man eine solche Anzahl an Menschen integrieren kann, wird sich erst langfristig zeigen. Doch eine kritische Betrachtung des Königssteiner Schlüssels legt zumindest einen Gedanken nahe: gute und gelingende Integration fängt schon bei der Verteilung an.